«Nachgefragt» bei Isabelle StierliAbsolventin Soziale Arbeit

  • FHS Abschluss: Bachelor Soziale Arbeit 2010 / Master Soziale Arbeit 2021
  • Arbeitgeber: Selbsthilfe Zürich
  • Funktion: Beratung Selbsthilfe

Für das Bachelorstudium zog Isabelle Stierli in die Ostschweiz, da ihr das persönliche Flair der damaligen FHS St.Gallen in Rorschach zusagte. Heute lebt sie in Winterthur, pendelt aber noch regelmässig in die Ostschweiz, um an Veranstaltungen aus den Bereichen Kultur und Sozialwesen teilzunehmen. Auch für Konzerte reist sie oft und gerne umher und geniesst es aber gleichwohl, für einen Spielabend mit Freunden zu Hause zu bleiben.

Isabelle Stierli arbeitet bei Selbsthilfe Zürich, die Informations- und Beratungsstelle rund um gemeinschaftliche Selbsthilfe. Sie hat soeben das Masterstudium in Sozialer Arbeit an der OST absolviert.

Welchen Berufsweg bist du nach deinem Studium gegangen?
Ich habe im Bachelorstudium das 2. Praxismodul auf der psychosomatischen Therapiestation Romerhuus absolviert und anschliessend noch weitere fünf Jahre dort gearbeitet. Diese Stelle und das Team haben mich als Fachperson geformt und stark geprägt. Ich denke noch heute viel an diese Zeit und das dort Gelernte zurück. Anschliessend an das Romerhuus habe ich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet, um mich fachlich noch vertiefter mit psychischen Krisen und psychischer Gesundheit auseinanderzusetzen. Mit Beginn des Masterstudiums habe ich dann eine Teilzeitstelle in einem sozialpsychiatrischen Wohnen angenommen, um in einen Bereich zu wechseln, der auf mehr Selbstbestimmung für Adressatinnen und Adressaten ausgerichtet ist. Seit einem Jahr bin ich nun bei Selbsthilfe Zürich in der Beratung tätig. Dieses Arbeitsfeld, das auf Ressourcen ausgerichtet ist und auf dem Empowerment-Konzept basiert, begeistert mich.

Diesem Monat empfängst du dein Masterdiplom. Wann, wie und auf Basis welcher Beweggründe hast du dich für den Master an der OST entschieden? Und was nimmst du mit für deinen weiteren Berufsweg?
Nach sieben Jahren Praxiserfahrung reizte es mich, mein Wissen und mein fachliches Portfolio zu erweitern – kurzum: Ich suchte eine neue Herausforderung. Die Wahl des Immatrikulationsortes St.Gallen geschah aus nostalgischen Gründen, da ich bereits mein Bachelorstudium an dieser Fachhochschule absolviert habe.

Das Masterstudium förderte mein konzeptionelles Denken und schärfte meinen Blick für Entwicklungsprozesse. Wohl am meisten hat es aber, durch das Vertiefungsstudium und die Master-Thesis, die Möglichkeit geboten, mich fachlich vertiefter mit Themen auseinanderzusetzen, mich darin zu positionieren und entsprechende Entwicklungsprozesse zu gestalten.

Du arbeitest heute in der Beratung der Selbsthilfe Zürich. Was genau bedeutet «gemeinschaftliche Selbsthilfe»?
Gemeinschaftliche Selbsthilfe ist sehr vielseitig und umfasst verschiedene Formen, in denen sich Personen über ein gemeinsames Thema austauschen. Eine solche Form gemeinschaftlicher Selbsthilfe sind Selbsthilfegruppen. In Selbsthilfegruppen tauschen sich Personen in einem vertraulichen Rahmen aus und unterstützen sich so in der Bewältigung ihrer Lebenssituationen. Die Themenvielfalt reicht dabei von körperlichen und psychischen Erkrankungen hin zu heraufordernden Lebenssituationen. Es gibt Gruppen für Betroffene, Angehörige und manche sind auch für Fachpersonen offen. Oft sagen mir Personen in der Beratung, dass der Austausch unter gleichermassen Betroffenen anders sei, als mit Aussenstehenden, und es ihnen hilft zu erleben, von Personen in einer ähnlichen Situation, teilweise ohne viele Worte, verstanden zu werden.

Bei Selbsthilfe Zürich vermitteln wir in mehreren hundert Selbsthilfegruppen, die sich in der Stadt Zürich und in den umliegenden Gemeinden treffen. Allein in Zürich gibt es zu über 200 verschiedenen Themen Selbsthilfegruppen, welche unter dem folgenden Link aufgeführt sind: https://www.selbsthilfezuerich.ch/shzh/de/selbsthilfe-gesucht/gruppenliste.html.

Die Vielfalt der Selbsthilfegruppe ist eindrücklich. Selbst findet man sich doch im einen und anderen Thema wieder. Ist die Nachfrage nach Selbsthilfegruppen während der Corona-Zeit massiv angestiegen? Oder wie beurteilst du die Situation?
Das Interesse an Selbsthilfegruppen und entsprechende Anfragen haben in den letzten Jahren generell zugenommen. Möglicherweise hat die Corona-Pandemie diese Entwicklung begünstigt, da in den letzten zwei Jahren viele Gruppenangebote nicht stattfinden konnten, während sich Selbsthilfegruppen weiterhin treffen durften. Der grössere Einfluss liegt meines Erachtens aber darin, dass das Bewusstsein für psychische Gesundheit und deren Förderung in den letzten Jahren geschärft wurde. Selbsthilfegruppen stellen ein Gefäss dar, in dem Personen eine aktive Rolle in Bezug auf die Förderung ihrer (psychischen) Gesundheit einnehmen können. Zudem denke ich, dass das Angebot von Selbsthilfegruppen durch Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit immer bekannter wird. So gibt es beispielsweise derzeit das schweizweite Projekt «Gesundheitskompetenz dank selbsthilfefreundlicher Spitäler», in dem durch entsprechende Kooperationen Betroffene und Angehörige von Institutionen des Gesundheitswesens auf die Möglichkeit von Selbsthilfegruppen aufmerksam gemacht werden.

Was verbindet dich mit deiner Alma Mater, der FHS St.Gallen und heutigen OST – Ostschweizer Fachhochschule?
Mit der FHS St.Gallen verbinden mich viele schöne Erinnerungen und langjährige Kontakte. Das Bachelorstudium war eine prägende Zeit, aus der private und fachliche Kontakte hervorgingen. Mit der OST verbinde ich neben weiteren Kontakten vorwiegend wunderbare Anlässe, wie den Kulturzyklus Kontrast und verschiedene Projekte, bei denen ich selbst mitgewirkt habe.

Seit deinem Bachelorabschluss im 2010 dürfen wir dich immer wieder persönlich an Alumni-Veranstaltungen begrüssen. Weshalb ist dir die Netzwerkpflege auch fachbereichsübergreifend wichtig?
Ich erinnere mich noch, wie uns ein Dozent im Abschlussmodul des Bachelorstudiums auf die Wichtigkeit der Netzwerkpflege hingewiesen hat. Da ich seine fachlichen Haltungen im Studium stets geschätzt habe, habe ich mir den Rat zu Herzen genommen und kann nach über zehn Jahren die Relevanz eines solchen Netzwerks bestätigen. Einerseits arbeitet die Soziale Arbeit stets mit anderen Fachbereichen zusammen. Andererseits erweitert die fachbereichsübergreifende Netzwerkpflege den eigenen Fokus und hilft, über den eigenen (fachlichen) Tellerrand hinauszuschauen. Veranstaltungen, wie solche der Alumni, ermöglichen, sich in einem ungezwungenen Rahmen zu begegnen, auszutauschen und bei Bedarf im beruflichen Alltag auf diese Verbindungen zurückzugreifen.

In ein paar Monaten fusionieren wir zur alumniOST. Was ist dir für die neue Organisation besonders wichtig? Was möchtest du uns mit auf den Weg geben?
Ich wünsche mir, dass trotz der Fusion zur alumniOST die regionalen Veranstaltungen und der direkte Kontakt zum Alumni-Team weiterhin bestehen bleiben. Und ich wünsche euch als Alumni-Team weiterhin viel Elan für eure Arbeit.
 

Erschienen in: FHS Alumni-News von März 2022